SE, EMDR oder MTL?
Somatic Experiencing
(SE) funktioniert, indem es das Nervensystem sanft anleitet, blockierte traumatische Energie freizugeben, die nach einer Stressreaktion (Kampf, Flucht, Erstarrung) im Körper zurückbleibt, indem es die unvollendeten physiologischen Reaktionen langsam und schrittweise nachvollzieht und abschließt, oft durch "Pendeln" zwischen belastenden und sicheren Empfindungen und die Nutzung "Ressourcen" (innere Kraftquellen) zur Selbstregulation.
Es geht nicht um das traumatische Ereignis selbst, sondern um die Körperreaktionen darauf, die durch achtsames Erforschen von Empfindungen in "kleinen Dosen" (Titration) zur Entladung gebracht werden, um eine Überforderung zu vermeiden und Lebendigkeit wiederherzustellen
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Ein Beispiel:
Eine Frau mittleren Alters hat ihren Vater sehr früh verloren, als er starb sagte er zu ihr "Du musst Dich bitte um Deine Mutter kümmern".
Nun diese Mutter war schwierig, da sie nie auf sie hören wollte, obwohl sie schwer krank war, lehnte sie alle Hilfe stets ab. Die Tochter war ständig in Sorge, was ihr Nervensystem über die Jahre extrem leiden lies.
Sie bekam eine Essstörung nach der anderen. Obwohl sie im Alltag diszipliniert sein konnte, wurde sie nach Feierabend zunehmend zwanghaft. Irgendwann bekam sie dann von einem Freund eine Therapiestunde in Somatic Experiencing angeboten.
Er bat sie sich ihr Problem was sie als tägliche Herausforderung und schwere Belastung empfand mal als bunten Ball vorzustellen. Sie schloß die Augen und sah etwas hell orangenes. Er sagte zu ihr, sie solle es mal um sich herum kreisen lassen. Dann fragte er sie, wo an welcher Stelle im oder am Körper sie diese Belastung nun spüren würde. Sie sagte da sitzt jemand auf meiner linken Schulter. Das ist meine Mutter...
Und dann liess er Sie den Ball in Ihrer Vorstellung mit Heilenergie aufladen und wieder um sie Kreisen, bis das schwere Gefühl auf der Schulter verschwand. Das wars und doch unglaublich hilfreich.
Ein Vergleich beider Traumatherapien mit direktem
Zusammenhang zum traumatischen Ereignis.
EMDR
Eye Movement Desensitization and Reprocessing
(Desensibilisierung und Abbau von Wiedererleben eines Stressor-Reizes durch Augenbewegungen)
direkte Traumatherapie
oder
MTL
praktisch integrative moderne Traumatherapie nach Luschas
indirekte Traumatherapie
Was ist besser?
Das lässt sich so pauschal schwer sagen. Aber grundsätzlich wäre das meine Empfehlung:
Einmalige plötzliche Ereignisse
Bsp.: Unfall = EMDR
Eine wahre Begebenheit:
Eine Klientin hatte vor der ersten EMDR Sitzung noch eine Todesangst vor Hunden.
Ihre unglaubliche Leidensgeschichte:
Sie ist als Kind aus einem Kriegsgebiet geflohen, hat mehr als 10 Sprachen gelernt, weil sie nie so richtig zur Schule durfte als Asylantin in verschiedenen Ländern. Als sie endlich einen festen Wohnsitz mit ihrer Familie fand, lernte sie eine Freundin in der Schule kennen, die Angst vor Hunden hatte.
Es geschah am helligten Tag, dass ihre Freundin eine Panikattacke auf dem Heimweg aus der Schule hatte, weil sie einen spazierenden Hund nicht hatte kommen sehen. Sonst wäre sie sofort auf die andere Straßenseite gewechselt. Aber das ging nicht und sie bekam keine Luft mehr, weil sich alles in ihr zusammenzog.
Aus purer Solidarität übernahm die Klientin die Angst ihrer Freundin, obwohl sie vorher Hunde immer geliebt hat.
Nach der Sitzung meinte sie, "ich muß unbedingt einen Welpen haben" und lachte.
Versus
Wiederholte Manipulation als Kind über einen längeren Zeitraum.
Bsp.:
Viele Jahre Opfer narzisstischer Gewalterlebnisse durch Nahestehende Personen z.B. durch die Eltern, Geschwister, Trainer, Lehrer, Kollegen, Chefs oder Partner. = MTL
Eine echt(e) traurige Geschichte, achtung nix für schwache Nerven:
Eine junge Frau, Anfang zwanzig befand sich mitten in Ihrem Studium für Soziales als ihre Uni plötzlich und mit Nachdruck ein Schreiben, welches sich seit zwei Jahren im Haus ihrer Eltern befand, haben wollten. Würde sie diesen nicht binnen zwei Wochen abgeben, könne sie nicht mehr weiter studieren.
Sie hat es nie geschafft dorthin zurückzukehren, zu schlimm war die Erinnerung an all die Jahre, in denen ihr so weh getan worden ist. Ihr Bruder hat sie einfach im Keller eingesperrt und an Männer verkauft als sie gerade mal 12 Jahre alt war. Ihre Eltern hatten keine Lust sich einzumischen und haben es übersehen, überhört und ihr selbst überlassen sich zu retten.
Sie war optisch leider der Traum vieler da draußen und recht groß gewachsen. Es war ein Albtraum der Jahre anhielt und sich jede Nacht wiederholte, nur dass es leider kein Traum war und sie hätte sich mit ihren bloßen Händen am liebsten einfach durch die kahle Wand in die Freiheit gebohrt. Aber es kam ihr nur Erde entgegen so marode war auch ihr Elternhaus. Wie eine gammelige Gartenlaube.
Leider fand ihr Bruder Gefallen daran, denn er verdiente gut mit ihr. Keiner hat es gemerkt, nicht in der Schule, nicht auf der Straße, beim Einkaufen oder beim Sport. Sie war einfach das Mädchen, das nie lächelte. Eine nach außen wirkende arrogante Zicke. Viel zu gutaussehend. So vergingen die Jahre, bis sie endlich mit 18 Jahren einen Freund fand und zu ihm ziehen konnte.
Sie wurde Drogensüchtig und fing an in einer Stripbar zu tanzen, denn ihr Selbstwertgefühl war unterirdisch. Aber sie kämpfte sich voran und fing nach einem Jahr an zu Studieren.
Mit einer Bekannten in der WG ihrer Freundin, fand sie jemanden der keine Fragen stellte. Eine Außenseiterin, die verstand was sie wahrnahm. Auf die Frage, ob sie ihr helfen könne, antwortete diese scherzhaft, "wenn wollen wir denn umbringen?" und grinste. Da sie als unnahbar galt und nie jemanden um Hilfe bat, niemals, niemanden. Die Klientin war erleichtert und meinte, so schlimm sei es nicht. Es ginge nur um einen Zettel..
Zum Glück konnten sie während der gesamten Fahrt gemeinsam schweigen. Und sie schafften es zusammen noch rechtzeitig die Unterlagen in einer Hauruck Aktion in unter fünf Minuten rauszuholen und einzureichen.
Glücklicherweise hatten die Eltern nichts angerührt, es war eh nur noch Müll da unten, keine Möbel und der Zettel lag immer noch an Ort und Stelle.
Ihr Trauma war beim Anblick der angekratzten Stelle in der Wand auf Kopfhöhe neben der Matratze, die auf dem Boden lag, leider wieder voll präsent. Sie wusste, dass sie ihren Partner verlieren würde, den sie häufig anschrie.
Also suchte sie sich eine MTL Therapeutin und die holte sie nach wenigen Monaten wieder raus aus diesem Sumpf von Demütigung und Verschleierung.
Mehr zu EMDR
- Es kann allerdings noch viel mehr als eine Traumatherapie sein. Es lässt sich sogar sehr umfangreich nutzen und bei vielen Krankheitsbildern bzw. Symptomen nutzen.
- Die Behandlung geht nicht nur über die Augen, es gibt auch Hand-, Knie-Tapping oder das gesteuerte EMDR Kit.
- Bilaterale Stimulierung beider Hemisphären in geschützter Atmosphäre sorgen für Entspannung.
- Es wird eine Desensibilisierung erzielt, damit Sie künftig nicht mehr auf den Reiz reagieren.
- So zeigt sich Schicht um Schicht, welche Bilder, Gefühle oder körperliche Wahrnehmungen wirken.
- Sie lernen Techniken kennen, die Sie in Zukunft in Ihren Alltag selbst integrieren können.
- Indiziert bei Albträumen, Flashbacks und Dissoziationen, hilft dabei die Kontrolle zurück zu erhalten
Empfohlen und Hilfreich bei:
- PTBS
- Trauer
- Burnout
- akutes Trauma
Die 4 Phasen eines Traumas
- Kampf (Fight)
- Flucht (Flight
- Erstarrung (Freeze)
- Unterwerfung/Anpassung (Fawn)
Die 4 Phasen der Traumatherapie
Phase 1: Sicherheit und Stabilisierung
Phase 2: Traumabearbeitung (direkt oder indirekt Konfrontation)
Phase 3: Integration
Phase 4: Neuorientierung (Integration/Abschluss)
Die acht Phasen der EMDR-Therapie
Phase 1: Anamnese und Behandlungsplanung
- Erhebung der Vorgeschichte, der aktuellen Symptomatik und der seelischen Stabilität.
- Identifizierung belastender und verstärkender Erinnerungen, oft mithilfe einer Traumalandkarte.
- Festlegung der Behandlungsziele und der Reihenfolge der zu bearbeitenden Erinnerungen.
Phase 2: Vorbereitung und Stabilisierung
- Aufklärung des Klienten über den Ablauf und die Funktionsweise der EMDR-Therapie.
- Erlernen und Aufbau von Ressourcen zur Selbststabilisierung, falls nötig.
Phase 3: Bewertung der belastenden Erinnerung
- Fokussierung auf die zu bearbeitende Erinnerung mit ihren Komponenten: ein Bild, eine negative Selbstüberzeugung und die damit verbundenen Emotionen sowie Körperempfindungen.
Phase 4: Desensibilisierung und Verarbeitung
- Anwendung von bilateraler Stimulation, während der Klient sich auf die im dritten Phase fokussierten Komponenten konzentriert.
- Dies ermöglicht es dem Gehirn, die belastende Erinnerung neu zu verarbeiten.
Phase 5: Verankerung
- Stärkung und Verknüpfung einer positiven Selbstüberzeugung mit der ursprünglichen traumatischen Erinnerung.
- Dies wird durch eine weitere Stimulationsserie gefestigt, bis die positive Kognition sich stimmig anfühlt.
Phase 6: Körpertest
- Überprüfung auf verbleibende negative Körperempfindungen, die mit der Ausgangssituation verbunden sind.
Phase 7: Abschluss
- Nachbesprechung der Sitzungsergebnisse und Zusammenfassung des Erlebten.
- Sicherstellung, dass der Klient sich gut fühlt und der Verarbeitungsprozess am Ende der Sitzung stabilisiert ist.
Phase 8: Nachbefragung
Überprüfung in der Folgesitzung, ob die erzielten Ergebnisse stabil geblieben sind und die positive Kognition weiterhin zutrifft.
Absolute Kontraindikationen
- Akute Psychosen: Schizophrenie, schwere bipolare Störungen in akuter Phase.
- Schwere dissoziative Störungen: Schwere Depersonalisation/Derealisation.
- Aktiver Substanzmissbrauch: Aktive Suchtprobleme oder Einfluss von Drogen/Alkohol.
- Schwere hirnorganische Störungen: Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma, Demenz.
- Unkontrollierbare Epilepsie: oder andere schwere somatische Erkrankungen.
- Unzureichende Stabilität: Mangelnde Ich-Stärke, fehlende Ressourcen, um mit traumatischem Material umzugehen.
Relative Kontraindikationen
- Schwangerschaft: Oft besser auf die Zeit danach verschieben; bei Trauma-Bezug zur Schwangerschaft nur nach Absprache mit Arzt.
- Schwere Depressionen mit Suizidalität: Stabile Behandlung muss Vorrang haben.
- Anhaltender Täterkontakt: Solange der Kontakt besteht, sollte das Trauma nicht bearbeitet werden.
- Komplexe PTBS: Kann behandelt werden, erfordert aber erfahrene Therapeuten und angepasste Strategien (nicht nur Standard-EMDR).
Wichtige Hinweise
- Vorbereitung: Der Patient muss eine ausreichende psychische und körperliche Stabilität besitzen, um die Therapie durchstehen zu können.
- Retraumatisierung: Eine schlecht durchgeführte EMDR-Therapie kann schädlich sein und eine Retraumatisierung verursachen, daher ist die Expertise des Therapeuten im Umgang mit traumatisierten Menschen entscheidend.
- Auch ein EMDR-Therapeut, der schon lange praktiziert, kann seit 20 Jahren den gleichen Fehler machen. Also lassen Sie sich davon allein nicht blenden. Schauen Sie besser vorher in die Vita, um zu sehen mit welchem weiterem Background Sie therapiert werden.
Rechtliche Probleme: Laufende rechtliche Auseinandersetzungen (z.B. mit dem Täter) sind ein wichtiger Ausschlussgrund. -> Leben retten geht vor!
Mehr zu MTL
Wie auch beim EMDR gibt es hier die gleichen Anteile wie u.a. imaginative, kognitive und emotionale Traumaarbeit. Nur eben viel weniger konfrontativ. Welches die richtige Methode für Sie ist, hängt unter anderem davon ab, was Ihr Trauma auslöst bzw. was Ihnen passiert ist und wie es Ihnen damit geht oder was für ein Typ Mensch Sie sind und wie Ihr nneres System funktioniert, auf mögliche Trigger anspringt und wie Ihre Resilienz ausgestattet ist.
Buchen Sie eine Erstgespräch, um mehr darüber zu erfahren, ob diese Methode vielleicht besser für Sie ist.
k2.traumazentrum.wellenreiter@gmail.com
